Flechten entdecken
Zweig mit Flechten. - Foto: NABU/D.Meier
Graue und grünliche Flecke auf dem Baumstamm, weißlich-grüne oder gelbliche Krusten an Zweigen: „Flechten sind klein, unscheinbar und doch enorm vielfältig und auch ein kleines Wunder der Natur“, beschreibt Norbert Hecker vom NABU Bremen eine große Gruppe von Organismen, die weder Pflanze noch Pilz und doch beides sind. Zuerst sind kleine einzellige Algen oder sogenannte Cyanobakterien da, die sich auf Gehölzen, Totholz, Stein oder Boden als dünne, meist rötliche Färbung auf der Oberfläche zeigen. Dann kommen Pilze hinzu, fast immer aus der Gruppe der Schlauchpilze, so der NABU-Experte. Die Pilze nehmen die Algen in ihre langen, schlauchartigen Zellen auf und geben ihnen damit quasi ein dauerhaft feuchtes Haus. Der Pilz profitiert von den Kohlenhydraten, die die Algen als Pflanzen mit ihrer Photosynthese herstellen und ausscheiden. Der Pilz liefert der Alge Wasser und mineralische Nährstoffe.
Viele Flechten wachsen in der Baumkrone. Flechten-Kenner Norbert Hecker bestimmt sie. - Foto: NABU/D. Meier
„Eine klassische Win-Win-Situation“, beschreibt es Norbert Hecker. „Diese Symbiosen sind immer wieder faszinierend“, begeistert sich der Landespfleger im Ruhestand. Das bewog ihn auch, in den vergangenen Jahren in der Flechten-Arbeitsgemeinschaft Nordwest aktiv zu werden, die zwischen der holländischen Grenze und Weser mehrere Exkursionen im Jahr unternimmt und vor allem auch Interessierte ohne Vorerfahrung willkommen heißt.
Oft bleiben Flechten unerkannt, denn wegen der lichtbedürftigen Algen finden sie sich meist an hellen Orten wie auf den Zweigen in den Kronen der Apfelbäume im NABU-Naturzentrum. Für das Gehölz sind sie völlig unschädlich. Das gilt auch für die flächigen Flecken, die sich zuweilen auf dicken Baumstämmen und Ästen ausbreiten. Die Form der Flechte wird meist durch den Pilz vorgegeben und doch bilden Flechten eine eigene Gruppe von Organismen mit eigenen Namen. Der Pilz bildet im Sommer auch die oft becher- oder kugelförmigen Fruchtkörper, die aus dem übrigen Flechtenkörper herausragen. In ihnen bilden sich Pilzsporen, die mit Wind und Wasser verbreitet werden, an günstigen Stellen keimen und entweder nur Pilz bleiben oder eine neue Lebenspartnerschaft eingehen.
Flechten sind Indikatoren für die Luftqualität. In Städten sei die Anzahl wertbestimmender Arten manchmal größer als in agrarisch genutzten Bereichen mit ihrem sehr hohen Anteil an Luftstickstoff, weist Norbert Hecker auf die Bedeutung von Städten zum Erhalt der Artenvielfalt hin. Eine hohe Nährstoff-Konzentrationen duldet beispielsweise die „Gewöhnliche Gelbflechte“. Manchmal wird die Nährstoff-Belastung aber sogar für sie zu hoch. Das Wissen über die Verteilung der Flechtenarten im Raum liefert somit wertvolle Hinweise für den Naturschutz.
Ihre Luftanalyse liefern die Flechten als Ökosystemleistung völlig kostenfrei. Zur Bestimmung sind Artenkenntnis und eine gute Leuchtlupe nötig. Die Unterschiede der millimeterkleinen Wesen sind sonst kaum bestimmbar.
Mehr über die faszinierende Welt der Flechten, ihre Merkmale und Eigenschaften, ihre Lebensräume und Bedeutung für die Biodiversität erklärt Norbert Hecker bei seiner kleinen Exkursion:
„Flechten entdecken“
NABU-Naturzentrum am Vahrer Feldweg 185
Freitag, 18. Juli ab 15 Uhr
NABU-Mitglieder: 5 Euro, sonst 10 Euro
Anmeldung: info@NABU-Bremen.de oder Tel. 0421 / 48 44 48 70.
